Hexenzeit: Herbst-Tagundnachtgleiche & altes Wissen

Die Luft hat sich verändert

Hast Du es gespürt? Irgendwann in den letzten Tagen hat sich etwas verschoben. Das Licht fällt anders. Die Morgen riechen nach feuchter Erde und nassem Laub. Die Abende kommen früher und bringen eine Stille mit, die sich anders anfühlt als die Stille des Sommers. Die Hexenzeit hat begonnen.

Am 23. September 2026 erreicht die Sonne den astronomischen Herbstpunkt: die Herbst-Tagundnachtgleiche. Tag und Nacht halten für einen kurzen Moment die Waage. Danach kippt das Gleichgewicht. Die Dunkelheit gewinnt. Und genau diese Schwelle hat Menschen seit Jahrtausenden fasziniert, bewegt und zu Ritualen eingeladen. Wir schauen auf alte Bräuche, auf Kräuter, die jetzt gesammelt werden wollen, und auf die Figur der Hexe als Schwellenwesen zwischen zwei Welten.

Was ist die Herbst-Tagundnachtgleiche?

Die Herbst-Tagundnachtgleiche (astronomisch: Herbst-Äquinoktium) bezeichnet den Moment, in dem die Sonne den Himmelsäquator von der Nord- zur Südhalbkugel überquert. Auf der Nordhalbkugel markiert dieser Punkt den Beginn des astronomischen Herbstes.

In 2026 fällt dieser Moment auf den 23. September. Tag und Nacht sind dann annähernd gleich lang, je etwa zwölf Stunden. Ab diesem Punkt werden die Nächte länger als die Tage, bis zur Wintersonnenwende im Dezember.

Was das für den Körper bedeutet, wussten alte Kulturen intuitiv: Die Energie zieht sich nach innen. Der Organismus beginnt, sich auf Ruhe, Verdauung und Rückzug vorzubereiten. Im Ayurveda spricht man vom Übergang in die Vata-Jahreszeit, die durch Bewegung, Trockenheit und zunehmende Leerheit gekennzeichnet ist. Wärme, Erdung und Routine werden jetzt besonders wichtig.

Die Hexe als Schwellenfigur

Warum heißt diese Zeit „Hexenzeit"? Die Antwort liegt in der symbolischen Bedeutung der Schwelle selbst.

Die Hexe, in ihrer ursprünglichen, vorchristlichen Bedeutung, war keine böse Märchenfigur. Sie war eine Schwellenwächterin: eine Frau, die zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt vermittelte. Sie kannte die Kräuter, die heilen. Sie kannte die Zeichen, die die Natur sendet. Sie hielt Wissen, das nicht in Büchern stand, sondern in Körpern, in Träumen, in Generationen weitergegeben wurde.

Mit dem Anwachsen der Dunkelheit öffnete sich nach altem Glauben auch der Schleier zwischen den Welten. Die Grenze zwischen dem Diesseits und dem Jenseits wurde durchlässiger. Ahnen konnten sprechen. Träume trugen Botschaften. Und die Frau, die das wusste, war keine Bedrohung. Sie war eine Hüterin.

Diese Figur lebt in der kollektiven Erinnerung von Frauen fort. Nicht als Kostüm, sondern als Archetyp: die weise Frau, die Verbindung zur Natur, das Wissen um Zyklen und Schwellen.

Alte Bräuche zur Hexenzeit

Was haben Menschen in dieser Zeit getan? Überraschend viel davon hat sich erhalten, oft ohne dass wir noch wissen, woher es stammt.

  • Räuchern: Das Räuchern mit getrockneten Kräutern gehört zu den ältesten Reinigungsritualen. Rauch wurde genutzt, um Räume zu klären, Schutz einzuladen und den Übergang in eine neue Phase zu markieren. Besonders zur Tagundnachtgleiche wurde geräuchert, um das Alte loszulassen.

  • Orakel: Herbst galt als Zeit der Schau. Wasser, Feuer, Spiegel, Träume: all das wurde zur Befragung genutzt. Welche Samen, die im Jahr gelegt wurden, sind aufgegangen? Was soll bleiben, was soll gehen?

  • Ahnenrituale: Viele Kulturen pflegten zur dunklen Jahreshälfte den Kontakt zu den Verstorbenen. Ahnenaltäre, Kerzen, das Aussprechen von Namen. Nicht aus Aberglauben, sondern aus Dankbarkeit und Verbindung.

  • Schutzbräuche: Türschwellen wurden mit Kräutern bestreut, Häuser mit Rauch gereinigt, Amulette gefertigt. Die Schwelle zwischen Innen und Außen bekam besondere Aufmerksamkeit.

Diese Bräuche haben eines gemeinsam: Sie machen das Unsichtbare sichtbar. Sie geben dem Übergang eine Form.

Kräuter der Hexenzeit: Jetzt sammeln

Wer jetzt durch Wiesen und Waldränder streift, findet noch Kräuter, die seit Jahrhunderten mit dieser Jahreszeit verbunden sind. Einige davon gehören zu den kraftvollsten Räucherkräutern überhaupt.

  • Beifuß (Artemisia vulgaris): Seit der Antike mit Schutz, Träumen und weiblichen Zyklen verbunden. Beifuß öffnet die Wahrnehmung und gilt als klassisches Orakelkraut.

  • Schafgarbe (Achillea millefolium): Schutz und Reinigung. Im Volksglauben hält Schafgarbe negative Energien fern und stärkt die Grenze zwischen innen und außen.

  • Salbei (Salvia officinalis): Reinigung, Weisheit, Langlebigkeit. Kaum ein Kraut ist so universell mit Räucherritualen verbunden wie Salbei.

  • Dost (Origanum vulgare): Auch Oregano genannt. Schützend, wärmend, erdend. Dost galt als Kraut gegen das Böse und wurde über Türen gehängt.

  • Gundermann (Glechoma hederacea): Eines der ältesten Hexenkräuter. Gundermann schärft angeblich den Blick für das Verborgene und wurde traditionell zur Hexenzeit in Ritualen eingesetzt.

Beim Sammeln gilt: achtsam, dankbar, nur so viel wie nötig. Und bitte vorher sicherstellen, dass die Pflanzen korrekt bestimmt sind.

Die Schwelle bewusst gehen

Die Herbst-Tagundnachtgleiche ist kein Termin im Kalender. Sie ist eine Einladung.

Eine Einladung, innezuhalten und zu fragen: Was hat dieses Jahr mir gegeben? Was darf jetzt reifen, was darf losgelassen werden? Welche Samen warte ich noch ab, bevor ich sie beurteile?

Diese Fragen sind keine esoterischen Spielereien. Sie sind eine Form von Selbstführung, die Frauen durch Jahrtausende begleitet hat. Das Wissen um Jahreszeiten, Zyklen und Schwellen ist altes Frauenwissen, das lange als irrational abgetan wurde. Heute erleben wir seine Rückkehr: in der Psychologie, in der ganzheitlichen Medizin, in der modernen Spiritualität.

Wer lernt, mit den Rhythmen der Natur zu leben statt gegen sie, findet mehr Kraft, mehr Klarheit und mehr Verbindung zu sich selbst.

Die Hexenzeit dauert nicht nur einen Tag. Sie zieht sich durch den gesamten Herbst, bis zu Samhain am 31. Oktober, dem alten keltischen Fest der Ahnen und dem Höhepunkt der dunklen Schwelle. Dazwischen liegen Themen, die tief gehen: das Orakel als Werkzeug der Selbsterkenntnis, die sogenannte Hexenwunde als kollektives Trauma weiser Frauen, und die Frage, wie altes Wissen heute gelebt werden kann.

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